Raoul Schrott, Schriftsteller:

Raoul Schrott
Foto: Peter-Andreas Hassiepen

geh obwohl es keinen ort gibt an dem du ankommen kannst: versuch etwas in der /
ferne abzusehen im wissen dass nichts von dauer ist · wir gehen hin in beständigem /
verschwinden manual der transitorischen existenz V.2

EIN FLÜCHTLING

am punkt wo unsere kartographen die grenzlinien /
dreier länder schnitten ragt eine klippe auf ˑ unter ihrem
fuss /
lag ein frisches grab – eine schicht sand /
von felsplatten bedeckt ˑ daneben die plastiksohle eines
schuhs /
eine reisetasche ohne jegliches gewand /
vertrockneter thunfisch in zwei aufgehackten konservendosen /
vielleicht wurde er krank zurückgelassen /
oder vom lastwagen gestossen /
er hatte die lake getrunken ˑ im schatten gesessen /
der handbreit von der wand fiel /
keine kraft mehr um zu hassen /
dünenkämme gleissend ˑ unerträglich weiss /
der himmel nun vor einem ziel /
das kaum je mehr war als die aussicht auf anderes als almosen /
in der tasche gesicht und name auf einem ausweis /
aus eritrea – vormals italienisch abessinien – /
und eine telefonnummer in mannheim ˑ er wurde 17 jahre alt /
das leben ein ruder · ein leck geschlagener nachen /
inmitten einer verlandeten see /
der wind murmelnd in so vielen unverständlichen sprachen /
die zunge geschwollen · ihm brennendkalt /
vor diesem alles nun vereinnahmenden vergessen /
staub auf den wimpern · die sonne in den weiten unserer lee

gilf kebir 12 II 10

Aus: Die Kunst an nichts zu glauben (Hanser 2015)